Fallbeispiel – 01 – „Wir sehen uns vor Gericht…“

Fallbeispiel – 01 – „Wir sehen uns vor Gericht…“

Anwendungsmöglichkeiten der Familien- und Systemaufstellung

Ein kleines Vorwort

In Gesprächen mit Kunden, Freunden oder Bekannten stelle ich immer wieder fest, wie unbekannt die Einsatz- und Nutzungsmöglichkeiten der Aufstellungsarbeit sind.

Aufgrund dessen möchte ich verschiedene Möglichkeiten anhand von Fallbeispielen vorstellen, bei denen es sehr hilfreich ist, das enorme Potential der Aufstellungsarbeit zu nutzen.

1. AUSGANGSSITUATION

In diesem Beispiel stand die Kundin (K) vor einer Gerichtsverhandlung, bei der eine Versicherung Regress bzgl. eines Schadensfalls von ihr forderte. Aus ihrer Sicht war das sehr überzogen und so nahm sie sich einen Anwalt (A). Dieser bestätigte ihr gute Chancen, den Prozess zu gewinnen. Eine Gerichtsverhandlung wurde unabwendbar und der Gerichtstermin stand fest. Das war der Zeitpunkt, an dem sie die Gelegenheit wahrnahm, sich die ganze Konstellation mit Hilfe der Aufstellungsarbeit anzuschauen.

2. ANLIEGEN

Ihr Anliegen dabei war es, sich zugrunde liegende Zusammenhänge zu verdeutlichen, sich vorbereitend zu stärken sowie sich möglicher verborgener Konfliktdynamiken oder eigener Muster bzw. Blockaden bewusst zu werden und wenn nötig, diese zu lösen. Außerdem wollte sie Sicherheit für sich im tatsächlichen Gerichtstermin bekommen.

3. VERLAUF

Als Stellvertreter wählten wir die Kundin (K), ihren Anwalt (A), den Vertreter der Versicherung (V) und den Richter (R). Das innere Bild der Klientin sah folgendermaßen aus:

Anwalt (A) und Kundin (K) standen recht nah beieinander mit Blickrichtung auf Richter (R). Die Versicherung (V) stand seitlich von K und A und blickte sofort auf K.

Die Versicherung tänzelte sehr machtbewusst auf K zu, nahm weder A noch R wirklich wahr. Einzig K war in ihrem Blickfeld und das zeigte die Stellvertreterin auch sehr deutlich. Wie sie sagte, wollte V ihre Macht K gegenüber ausspielen, fühlte sich sehr groß und überlegen. Es ging V weder um das Geld noch um etwas anderes, einzig die Macht, die sie vermeintlich mit dieser Forderung K gegenüber hatte, stand für V anfänglich im Raum.

A war sehr routiniert und ließ sich von V’s Gehabe nicht beeindrucken. Er war R zugewandt, war sich seiner Strategie und Vorgehensweise klar bewusst. K spürte Hilflosigkeit und große Unruhe durch das Auftreten der Versicherung. Gleichzeitig jedoch beruhigte sie die gelassene Souveränität ihres Anwaltes (da hat sich K innerlich gratuliert, dass sie sich für diesen Anwalt entschieden hat).

R war offen und freundlich und da A sich R zuwandte, war auch R zugewandt. Das Verhalten der Versicherung wurde zunehmend auch der Stellvertreterin von R zu viel, da V immer weiter versuchte, K zu provozieren und aus der Reserve zu locken. Das ging soweit, bis R die Versicherung auf ihren Platz verwies. K wurde durch diese Maßnahme und klare Aussage von R etwas beruhigt. R ging es wirklich darum, beide Seiten anzuhören und dann zu entscheiden. Die ruhige und besonnene Art von A bemerkte auch R.

K war jedoch durch das Auftreten von V noch immer verunsichert und wünschte sich so etwas wie einen Beistand. So stellten wir eine gute Kraft (GK) hinter K. Auch fühlte sie sich an dem bisherigen Platz alles andere als wohl und so wechselte K den Platz auf die andere Seite des Anwalts, so dass dieser jetzt zwischen K und V stand.

Es geschah eine innerliche Aufrichtung und Stärkung bei K, sie spürte zunehmende Ruhe und Zuversicht mit der guten Kraft im Rücken. Dies war ein entscheidender Wendepunkt. Denn V wiederum spürte, dass die Provokationen nicht mehr ankamen und allmählich kehrte Ruhe ein.

Die Kundin nahm nun ihre eigene Position ein (die Stellvertreterin wechselte mit der Kundin die Plätze), nachdem die Stellvertreterin von K ihr die Rolle übergeben hatte. Auch sie spürte die gute Kraft im Rücken als unglaublich stärkend und A als souverän und gelassen neben ihr. Die Stellvertreterin der Versicherung versuchte nun nochmal, ob sie K provozieren kann, was jedoch nicht mehr funktionierte. Im Gegenteil, K wendete nun ihren Blick direkt zu V und durch den erstmaligen persönlichen Blickkontakt veränderte sich etwas bei der Versicherung. Sie wurde ruhiger und sagte dann, dass sie auch nur ihren Auftrag ausführt.

Wir stellten ihre Auftraggeber (AGV) hinter sie und dadurch wurde V deutlich, dass sie in den Fällen und Aufträgen den wirklichen Menschen vergessen hat. Gleichzeitig spürte sie den Druck ihres Auftraggebers, der alles Menschliche sofort versuchte zu unterbinden. V hatte zuvor jedoch einen Moment lang genau diese Verbindung wieder gespürt und zugelassen. In diesem Moment waren keine Machtansprüche vorhanden. Es war einzig die Verbindung von Mensch zu Mensch vorhanden. Diese Bewusstwerdung war im gesamten Feld sehr deutlich spürbar und so konnten wir es als Endbild auch lassen.

4. FAZIT UND ERGEBNIS

K war gestärkt und hatte viel mehr Ruhe in sich für die bevorstehende Verhandlung. Die zugrunde liegenden Dynamiken waren sichtbar geworden und ihr nun bewusst. Die gute Kraft spürte sie noch immer.

Die Kundin berichtete zu einem späteren Zeitpunkt über den Verlauf der Verhandlung. Demzufolge konnte sie einige Parallelen zur Aufstellung feststellen und hat zudem den Prozess gewonnen, musste das Geld also nicht an die Versicherung zahlen.

Ich möchte hier allerdings auch deutlich machen, dass dieses Fallbeispiel sehr gekürzt dargestellt und auf das Wesentlichste zusammengefasst ist. Natürlich gab es den ein oder anderen Dialog dabei und das Finden des hilfreichsten Platzes, etc. Das Beispiel soll hier nur zur Veranschaulichung dienen und nicht als fachlicher Exkurs.

5. EIN WEITERES BEISPIEL

In einem weiteren Beispiel wurde einem langjährigen (29 Jahre bei der Bank tätig) Personalchef einer Bank plötzlich von der Leitung gekündigt mit der Begründung, es sei wirtschaftlich notwendig. Er hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen, was dieses Ausmaß begründet hätte und war spürbar geschockt, denn er musste am gleichen Tag noch seinen langjährigen Arbeitsplatz verlassen. Eigenen Aussagen zu folge hat es ihn wirklich kalt erwischt, denn er hat mit keiner Silbe damit gerechnet. Demzufolge benötigte er eine Weile, um das zu verdauen. Nach einiger Zeit hat er sich wieder gefangen und Stand nun vor der gerichtlichen Verhandlung mit seinem (ehemaligen) Arbeitgeber. Er nahm sich einen Anwalt und besprach in Frage kommende Wege. Dabei waren eine Abfindung in bestimmter Höhe eine Variante, Wiedereinstellung und Vergleich weitere Varianten.

In der Aufstellung wurde zunächst die momentane Dynamik zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Bezug auf das gerichtliche Verfahren. Danach spürte der Kunde in die jeweiligen Varianten rein. Mit einer bestimmten Methode ist es möglich, so zu arbeiten, dass es keine Beeinflussung oder Tendenzen zu der ein oder anderen Variante geben kann, sondern wirklich das Innerste spürt, wie es sich auf den einzelnen Positionen anfühlt.

Weiterhin wurde sehr deutlich, dass es der Anwältin des Arbeitgebers nicht wirklich gut damit ging, die Forderungen ihrer Auftraggeber durchzusetzen. In der Aufstellung zeigt die Stellvertreterin ein großes Unwohlsein auf und sie hätte sich am liebsten aus der ganzen Angelegenheit völlig zurückgezogen bzw. rausgehalten. Sie hatte den Auftrag aber angenommen und sollte entsprechend handeln. Auch das war sehr hilfreich zu sehen, wie es anderen Menschen auf der „Gegenseite“ geht. 

Dem Kunden wurde durch die Aufstellung einmal klar, welche der Varianten momentan für ihn die Hilfreichste ist und die Tendenz, welche im gerichtlichen Verfahren wohl am erfolgreichsten wird. Außerdem hat er deutlich erkennen können, wo er verwundbar. Die aufgezeigten Dynamiken waren ihm wohlbekannt aus anderen Bereichen seines Lebens. Es war sehr schön zu sehen, wie durch dieses Bewusstsein klar wurde, welch Geschenk selbst diese Situation birgt. Er war durch die Aufstellung in der Lage, aus dem Kampfmodus herauszukommen und diese Lebenssituation aus anderen Perspektiven zu betrachten und anzunehmen.

EIN KLEINES NACHWORT

Mit diesen Beispielen möchte ich ermutigen, bestehende Herausforderungen, um die wir manchmal einfach nicht herumkommen, aktiv anzugehen und vorhandene Möglichkeiten zu nutzen. Es ist aus meiner Sicht sehr hilfreich, sich nicht nur äußerlich bestens auszustatten, sich Wissen anzueignen oder Erfahrungen anderer anzuhören, sondern sich auch der inneren, zumeist verborgenen Zusammenhänge, Verstrickungen und Dynamiken der jeweiligen Situation bewusst zu werden.

Im ersten Beispiel ging es „nur“ um eine Summe von X Euro. Was ist jedoch, wenn es um Menschen geht, wie im zweiten Beispiel, ein Kind in Trennungssituation der Eltern oder bei Erbstreitigkeiten? Wie oft zerstreiten sich ganze Familien über Jahrzehnte hinweg oder Kinder sind die Leid tragenden aus dem Rosenkrieg, welcher vor Gericht ausgefochten wird.

Was ist, wenn die Existenz einer Firma durch ein Verfahren auf dem Spiel steht und damit alle zugehörigen Menschen die Konsequenzen mittragen müssen? Was kann man also tun in solchen Fällen?

Aufstellungen können solche Prozesse unterstützend begleiten und viele tieferliegende Informationen offenlegen. Fragen, was bspw. die beste Lösung für die Kinder ist, wie es ihnen geht, wenn sie zu Vater oder Mutter sollen und vieles Weitere kann angeschaut werden.

Es können Gründe für die Erbschaftsstreitigkeiten gefunden werden, ob eine Einigung möglich ist und was es dafür braucht. Ob es sich lohnt, wirklich vor Gericht zu gehen oder ob ein außergerichtlicher Vergleich erstrebenswerter ist, wodurch Kosten, Zeit und Nerven gespart werden können. Oder wie im zweiten Beispiel, welche Variante am wahrscheinlichsten ist und welche verborgenen Muster zeigen sich dem Kunden?

Ich könnte die Aufzählung der Beispiele und Möglichkeiten noch weiterführen, denn derer gibt es viele. Diese Arbeit bietet faszinierende Perspektiven und inzwischen ist sie längst nicht mehr unerforscht. Selbst große Unternehmen und Organisationen bedienen sich zunehmend des Potentials der Aufstellungsarbeit.

Egal wo, wir leben stets in Beziehungsgeflechten, die zu allermeist von Bindungen jeglicher Art zusammengehalten werden. Glaubenssätze, Ängste, Ansichten, Muster uvm. prägen unseren gemeinsamen Umgang, der oft von Leid und Schmerz, aber auch Freude und Liebe gekennzeichnet ist. An der Oberfläche wissen wir vielleicht, wie etwas zu sein hat und rationale Argumente weisen klar die Richtung. Doch scheint so oft eben kein Frieden einzukehren und Menschen gehen mit wieder neuen Belastungen ihrer Wege. Oft sind wir dann erneut vom Leben enttäuscht und sehen uns als Opfer der Umstände.

Aufstellungen geben uns die Chance innezuhalten und wahrzunehmen, was sich zeigt. Denn wenn wir bereit sind hinzuschauen, können wir uns immer bewusster werden. Wir können uns von leidvollen Verstrickungen hin zu Ausdrucksmöglichkeiten bewegen, die uns besser dienen. Wir können erkennen, welch großer Reichtum unter der Oberfläche unserer Beziehungen (egal welcher Art) verborgen liegt bis hin dazu, das Leben anzunehmen, so wie es sich uns zeigt und vertrauen, dass uns alles dient.

Damit dieses Hinschauen gelingen kann, biete und halte ich einen Raum, in dem sich alles zeigen darf und in dem es keine vorgefertigten Lösungen gibt. Denn so verschieden wie ein Jeder von uns ist, ist auch jedes System oder jede Beziehung unterschiedlich und benötigt ein offenes, individuelles Vorgehen. Detektivisch gilt es die Möglichkeit zu finden, die dem höchsten Wohle aller im System dient.

Ausblick

Im nächsten Fallbeispiel 2 geht es um Unternehmer und ihre Kunden.

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In ungewöhnlichen Zeiten braucht es ungewöhnliche Wege.

Alles Liebe,

Doreen